Texte

Franziska Guettler
Katalogtext zur Ausstellung entfesselt!

Erzähllandschaften, die keine Geschichten erzählen. Szenerien mit Figuren, die Handlung suggerieren und doch nur andeuten. Der Betrachter sucht einen roten Faden in diesen phantasierten Bühnenbildern Franziska Guettlers, die in unterschiedlichen Konstellationen Menschen und Tierwesen vor zumeist nächtlichen Kulissen zwischen Hütten, Wald und weiteren Versatzstücken der belebten Natur platzieren. Im großformatigen Gemälde »Halo« aus dem Jahr 2016 glimmen Quallen und seltsame Haufenfische aus der Tiefe, ein Schwertfisch zerschneidet das Wasser. Dahinter – oder noch im Wasser, am Abgrund vielleicht – sind vereinzelte Figuren zu sehen, die sich nur schwer in Bezug zueinander setzen lassen. Ein Weg, der eine Siedlung von Holzhäusern säumt. Im Vordergrund ganz nah ein junger Mann in einem roten Hemd, er zieht die Aufmerksamkeit auf sich. Kann er über das Wasser gehen? Oder steht er doch auf festem Grund? »Alles ist beseelt, die Geister freuen sich« verrät uns die Künstlerin, die uns in eine Zwischenwelt entführt, wo Sein und Schein verschmelzen. Das Bildinventar hat Franziska Guettler in einer Reihe von vorher und parallel entstandenen Lithografien vielfach variiert und durchgespielt: Auch dort vorherrschend eine nächtliche Natur, Wölfe, ein Pfau, Fische und Menschengruppen vor Hütten und am Lagerfeuer. Es sind märchenhafte und rätselhafte Szenen, die mehr unheimlich als absurd das Universum an Sichtweisen auf die Welt ausloten. Die Betrachter sehen sich konfrontiert mit immer neuen Wandlungen des gleichen, fremden Spiels. Es sind im wahrsten Sinne fabelhafte Räume voller Deutungsangebote, offen und ohne Pathos.
Das Kolorit der Werke erinnert an die frühen, von ihm so bezeichneten »romantischen« Bilder Wassily Kandinskys. Auch dort dominieren türkisblaue und purpurfarbene Töne auf einem schwarzen, dunklen Grund die Szenerie, die sich oft auf russische Volksmärchen bezieht. Franziska Guettlers Gemälde »Halo« entstand nach einer Wanderung durch Siebenbürgen. Doch jeglichen Bezug zur Überlieferung vermeidet sie. Oft sind es persönliche Erinnerungen an Reisen, Handyfotos, Versatzstücke aus Erinnertem, in Skizzen festgehaltene Erfindungen und Traumsplitter, aus denen die Künstlerin ihre Anregungen bezieht. Dazu gehört auch die Berührung mit Texten der galizischen Dichterin Mascha Kaléko.
Wie in ihren Buchillustrationen knüpft die Künstlerin zwar an eine im Expressionismus begründete Farbigkeit an. Allerdings dynamisiert sie durch die Flüchtigkeit und Luftigkeit des Pinselauftrags das Bildgeschehen. Was wir sehen, scheint sich im gleichen Moment schon wieder zu entziehen, sich aufzulösen. Die Harmonie entpuppt sich bald als schöner Schein, die Unauflösbarkeit des Geschehens irritiert. Die Bildwelt eignet nicht zu romantisch eingefärbten Projektionen. Der Malprozess wird so zu einer Metapher für die fluide Botschaft der Bilder. »Die Dinge, die Figuren und Striche, Formen und Töne werden geworfen, bis ein Rhythmus entsteht. Sie wollen nicht ergründen und nicht bestehen, sie wollen tanzen und singen. Dann ist es ein Schichten und Umschichten, Malen eben« (Franziska Guettler).

Prof. Dr. Martin Oswald

Der Mensch ist ein Vogel

»Der Mensch ist kein Vogel«, sagte der Bischof den Leuten – in Bertolt Brechts Gedicht vom Ulmer Schneider. Der Kirchenmann, durch das schlimme Ende des mutigen Handwerkers nach dessen Flugexperiment in seiner Borniertheit bestätigt, triumphierte mit dieser banalen Feststellung. Warum auch nicht – die Tatsachen waren längst auf seiner Seite. Auch Ikarus scheiterte, und mit ihm zerbarst alle menschliche Hoffnung, den Vögeln etwas ähnlicher zu werden. Die Gründe sind schier unzählig, wegen derer der Mensch stets vom Vogel fasziniert war; kulturen- und epochenübergreifend nehmen Vögel eine ganz besondere Rolle in der Gedankenwelt der Menschen ein. Sie trotzen der Schwerkraft, sie heben sich empor aus den Niederungen der menschlichen Alltagswelt, wodurch ihnen nicht zuletzt auch die Fähigkeit zur Transzendenz anhaftet, zur Vermittlung zwischen Irdischem und Göttlichem. Aus der Realität weist der Vogel den Weg hinaus in die Welt des Erdachten, des Traumhaften, des Phantastischen. Er wird zum Sehnsuchtswesen, zur Leitfigur auf der Suche nach dem Unbeschwerten und der Schrankenlosigkeit.

Der heimliche Star unter den geflügelten Sinnträgern ist der Phönix. Die Idee eines Wesens, das die unabwendbare Gerichtetheit des Lebens überwindet, indem es die Endgültigkeit des Todes negiert und in gleichsam repetitivem Kreislauf aus sich selbst heraus wiedergeboren wird, findet sich in den verschiedensten Erzählkontexten und Überlieferungen. Kaum ein anderer Vogel begeistert derart den Geschichtenerzähler: Herodot beispielsweise ist fasziniert von goldgefiederten Schwingen und dem roten Gefieder, der ältere Plinius berichtet von rosigen Federn, die einen bläulichen Schwanz bilden; Isidor von Sevilla bestaunt besonders die purpurne Farbe seiner Erscheinung, und Wolfram von Eschenbach lässt den Phönix durch nichts weniger als den heiligen Gral seine kontinuierlichen Zyklen durchleben – ein jeglicher in seiner Zeit. Es wird ein Vogel gefeiert, der sich selbst seinen Scheiterhaufen aus duftenden Kräutern und erlesenen Gewürzen errichtet, der darauf den dramatischen Flammentod erleidet und endlich aus sich selbst in reinster und schönster Form inkarniert. Diese Geschichte wird mächtig und findet Verbreitung vor allem durch ihre prunkvollen und opulenten Schilderungen. Der junge Schwan ist zu anderen Metaphern verdammt; der prächtige Phönix hingegen vermag es, das Narrativ des überwundenen Todes zu transportieren. In seiner schillernden Gestalt öffnet er die Türen zu zahllosen Deutungsangeboten, die weit über die irdische Begrenztheit hinausweisen und den Weg in traumhafte, mit der Realität spielende Gefilde weisen.

Für Franziska Güttler wird der Phönix in vielerlei Hinsicht zum Stichwortgeber. Sie leiht sich nicht nur seinen Namen aus, sie bedient sich seiner machtvollen Dramatik und seines inzwischen recht strapazierten, doch an Fülle immer noch unvergleichlich dichten metaphorischen Kerns.

Es beginnt bereits in ihrem Arbeitsprozeß, der keineswegs linear von der tabula rasa der weißen Leinwand zum fertigen Bild führt, sondern ein ständiges Aushandeln zwischen Zurücknehmen und Wiederhinzufügen ist. Nichts, was hier getilgt wird, existierte umsonst, und nichts, was neu entsteht, ist vor der nochmaligen Übermalung sicher. Die Freude am Abenteuer der Kreation, die durch das Beharrungsvermögen des Unfertigen gesäten Zweifel und die Zuversicht in die Kraft des gedanklichen Materials wirken in unablässigem Kreislauf. Das beständige Suchen führt zu immer neuen Lösungen und letztendlich zu einer – physischen wie inhaltlichen – Verdichtung und Überlagerung von Darstellungsebenen. Und hier zeigt sich die wohl größte Kraft ihrer Malerei: Das malerische Ergebnis offenbart sich dem Betrachter nicht im Pathos und mit der großen Geste, sondern in vielschichtiger Qualität. Daher finden sich in Franziska Güttlers Arbeiten weder ein moralisches Sendungsbewusstsein noch der Nimbus des künstlerisch-ästhetischen Affekts. Bei Franziska Güttler wird das Schöne nicht niedlich, wird das Zaudernde nicht zur Aufforderung und führt das Zwielichtige nicht zwangsläufig zum Schrecklichen. Alles bleibt, was es ist und verzichtet auf unnötige Metaphorik. Im fliegenden Walfisch auf dem Tableau Komm beispielsweise verbergen sich keine Hinweise auf geheime Deutungsangebote, die den Rezipienten bei seiner oft falsch verstandenen Suche nach dem Sinn der Dinge abholen sollen.

Allein die fabelhafte Welt, in der sich Franziska Güttler mit ihrer Malerei verortet, füllt das schöne Tier mit Bedeutung, und ein neugieriger Bär tritt hinzu und bestaunt die Situation. Die märchenhaften Szenen, die oft humorvollen und mitunter absurden bis unheimlichen Sujets bilden all das ab, was Franziska Güttler hinter der Folie der wirklichen Welt aufspürt. Sie erschafft dabei ein Universum an Möglichkeiten, das einer eindimensionalen Wirklichkeitswahrnehmung diametral entgegenläuft.

Die Vögel weisen ihr dabei den Weg. Ein farbenprächtiger Pfau auf dem Bild Follow, ein bonbonfarbener Pelikan in Phoenix III, ein – ja, was eigentlich? – ein Star in ABER, der mit genügend assoziativer Leichtfüßigkeit einen Bogen zur »Madonna mit dem Stieglitz« in den Uffizien aufspannt. »Der Mensch ist kein Vogel«, so spricht der Bischof von Ulm. Auf Franziska Güttlers Arbeit Lauter Platz wird dies aufs Neue in Frage gestellt. Ein junger Mann mit Vogelkopf beherrscht die Szene, ohne wahrscheinlich selbst so ganz genau zu wissen, was er da gerade treibt. Neugierige und fragende Mädchenblicke gibt es wohl, ein echter Pfau hingegen übt sich in Nichtbeachtung. Der Mensch ist kein Vogel. Vielleicht ahnt das auch der Vogeljunge vom Platz. Es ist ihm aber ganz offenbar gleichgültig.

Dr. Thomas Klemm, Leipzig 2016

 

Die Mauer ist rosa!

Erzählung und Schweigen in den Bildern von Franziska Güttler

Ganz dicht am oberen Bildrand, unter nachtschwarzem Himmel, endet eine mannshohe Mauer. Eine groteske, atemberaubend poetische, gleichzeitig bedrohliche Situation eröffnet sich dem Betrachter. Die Mauer ist rosa! An ihr ranken lichtgrüne Gewächse – oder ist es nicht doch nur grüne Farbe, mit der die Mauer bemalt wurde? Zwei Personen ziehen sich mühsam an ihr hoch, als wären sie auf der Flucht. Und tatsächlich befindet sich ganz im Vordergrund des Bildes eine unheimliche Gestalt: Sie hat sich ein Bärenfell übergeworfen. Dieses Bärenfell ist bei genauer Betrachtung allerdings winzig, und trotz der Bedrohlichkeit der Szenerie schleicht sich eine gewisse subversive Komik ein. Das Bild Nors Kinder von 2014 ist ein wichtiges Werk im aktuellen Schaffen von Franziska Güttler.

Während sich ihre früheren Bildwelten teils stark aus Mythen und Märchen speisten, begründete Franziska Güttler nach und nach ihre eigenen Erzähllandschaften. Unter dem Begriff »Nor« subsummiert sie einen ganzen Bild- und Gedankenkosmos. In diesem Kosmos gibt es »das Reich Nor«, »das Haus Nor«, »das Land Nor«. Zur Begrifflichkeit und Ästhetik ihrer Erfindung sagt sie: »Nor wie schwarz und wie Norden, also dunkel und kalt, aber auch groß und weit und herrlich.« Und es eröffnet sich ein weites Feld an Geschichten, an Assoziationen, an tiefgründigen Überlegungen. In diesen Bildern beherrschen und bespielen die Gebrüder Nor die Szene, »sie sind die Chefs und die Gang«: Fast alle Arbeiten des Jahres 2014 können in dem Bezugsrahmen um die erfundene Welt Nor gesehen werden.

Vor der Folie dieser Erzähllandschaft entfalten sich die Szenen der einzelnen Grafiken und Gemälde als immer wieder untereinander kommunizierende, auf einen gemeinsamen Zusammenhang hinweisende Stücke, die ein außerhalb der Bilder liegender Bezugsrahmen eint. Es ist »wie eine Bühne, auf der Figuren auf- und abtreten, spielen, schieben und aneinander vorbei rennen.« Wiederkehrend tauchen auf dieser Bühne Gespensterfiguren auf. Von gestalterischer Bedeutung ist für Franziska Güttler dabei – aber in technischer Hinsicht – die offene, langsame und prozesshafte Technik der Lithographie, des Zeichnens mit Tusche auf Stein. Dem Erforschen des Bildraumes durch die Möglichkeiten des Auf- und Abtragens transparenter und opaker Zeichenschichten widmete sie sich 2014 intensiv. Teils handkoloriert werden ihre Drucke zu Unikaten. Und auch hier spielen sich die Figuren über die verschiedenen Blätter hinweg die Bälle zu, zitieren einander und weben so einen gemeinsamen Stoff, der ihre Arbeiten thematisch zusammenspannt: Nor.

In Franziska Güttlers Bildern gibt es oft einen «Moment der Schrägheit, der Kippe, der löchrigen Realität«. Und plötzlich blitzen sie auf, Peter Doigs ruhige Szenerien als große ästhetische und inhaltliche Inspiration. Die herben Farbflächen von Güttlers Bildern mit ihren scharfen Konturen lassen in ihrer wilden, unberechenbaren Vereinfachung an die Brücke-Künstler denken, in der Darstellung von Umgebungen und Figuren auch an Daniel Richter und Edvard Munch. Und doch: Wenn überhaupt, verlaufen kunsthistorische Bezüge bei Franziska Güttler nicht linear, sondern indirekt und versetzt.

Der fabulierenden Auffassung ihrer vielfigurigen Arbeiten setzen die seit 2013 entstandenen Tanzbilder einen schweigsamen und reduzierenden Kontrapunkt. Sie basieren auf mit der Handykamera aufgenommenen Videostills. Gemalt werden sie dann in Öl auf Leinwand. Die grauen, blassen, stark zurückgenommenen Farben in Kombination mit der offenen Form, den flatternden Stoffen und wirbelnden Posen wirken zart und durchscheinend. Vereinzelt entwickeln sich pastos-abstrakte Passagen, in denen Güttler die Farbe in ihrer Materialität auskostet und leidenschaftlich feiert.

Franziska Güttler interessiert der Moment, »der nichts bedeutet und alles bedeutet, der ein Loch in die Matrix reisst, der sich nicht erklärt und wie ein großes Hm? im Raum hängt.« Es geht ihr um den Punkt, an dem die Wirklichkeit nicht schlüssig, nicht kongruent und nicht bedeutsam, sondern offen, schwebend, wacklig und flatterhaft ist. Dieser Punkt zeige, so Güttler, das »Geworfensein« in eine fremde, unverständliche Welt.

In dem Bild Großer Tag schaut ein Gespenst vom Dach herunter. Es beobachtet das Geschehen auf dem Platz: Was es wohl sieht? Und vor allem: Woher es kommt? Fragen, die offen bleiben und die dem Betrachter Raum für eigene Gedanken geben.

© Dr. Sara Tröster Klemm, 2015

 

Vor der heilen Welt scharf abgebogen

Ein Kind, die blonden Haare fast vollständig unter einer dicken Kapuze versteckt, streckt beide Arme nach vorn, als würde es etwas greifen können. Sein warmer blauer Mantel ist in großer Bewegung vor einer kühlen, abweisenden Kulisse. Doch der Griff des Kindes führt ins Leere; es ist mithin kein Fehlgriff, vielmehr eignet sich die Malerin Franziska Güttler die scheinbare Realität der Szene an und verweigert dem gewünschten Gegenstand seinen Auftritt. „Nich lustig (ohne Pferd)“ nennt sie die 2009 entstandene Arbeit, die in ihrer Komposition die entstandene Leerstelle nicht zu schönen versucht, sie vielmehr als Bruch herausfordert und damit nicht nur dem Kind das Schaukelpferd entzieht, sondern auch dem Betrachter die Geschlossenheit der Bildkomposition versagt. Nicht lustig in der Tat, weder für das Kind, dem trotz aller Fürsorge – der blaue, warme Wintermantel – seine gegenwärtige Freude genommen wird, noch für den Beobachter, dem die Bildsituation eher einen Schauder als ein Lächeln entlockt.  Zumal das genommene Spielzeug wie ein Vexierbild zwischen den Schichten des Bildes doch noch aufscheint – nicht fassbar, vielmehr nur als Gedanke hinter Schleiern aus Farben und Flächen. Und so sind viele Szenen in Franziska Güttlers Arbeiten nicht greifbar, sie entziehen sich dem analytischen Zugriff, und erst im Kontext weiterer Bilder lässt sich ihre Notwendigkeit für eine große, umfassende Erzählung erahnen.

Das Schaukelpferd taucht mithin wieder auf, auch in anderen Arbeiten wird es zum unverzichtbaren Ausstattungsgegenstand von Geschichten, denen häufig ähnlich verstörende Stimmungen zugrunde liegen. Gemeinsam mit der rotumrandeten Trommel verweist es in „Twizel“ aus dem Jahr 2011 auf eine verklärte Erinnerungsschicht, auf das vermeintliche Ideal einer bürgerlichen Kindheit etwa, auf ein Aufwachsen in der Vergangenheit einer heilen Welt. Doch die Bilderwelten von Franziska Güttler sind alles andere als romantisch idealisiert. Fast schon trotzig werden diese Attribute der Harmonie auf der Bildfläche montiert, die eine ganz andere Sprache spricht: Das Unbestimmte, das Unbegreifbare und Unverortbare dominiert, wie in einer Traumszene werden Personen und Gegenstände zu Requisiten, deren Bezug zum Bild außerhalb der Szene gesucht werden muß. Diese Verbindung des schönen Scheins mit dem Verstörenden zieht sich als ein Leitmotiv durch die Arbeiten. Und diese Spannung wird nicht allein durch die Inszenierung der Themen, sondern durch die eingesetzte Farbigkeit erreicht. Strahlendes Himmelblau, leuchtendes Goldocker und sich aufdrängendes Altrosa sind in vielen Arbeiten von Franziska Güttler zu finden – oft sehr dominant, doch häufig auch nur in homöopathischen Dosen. Nahezu überall liefert sich dieses Licht einen Zweikampf mit erdigen, gedeckten und kalten Farben, der stets ohne Sieger bleibt.

Doch es ist nicht nur der Dualismus zwischen Licht und Dunkelheit, der im Werk von Franziska Güttler eine große Rolle spielt, auch das Spannungsfeld von Gegenwart und Vergangenheit ist für sie maßgeblich. Historische Fotografien bilden oft die gedankliche Vorlage für ihre Figuren, verschiedene ihrer Posen und Gesten erinnern an die vor- und frühmoderne Malerei des 20. Jahrhunderts, dann wiederum wird man wieder in zeitgenössische Szenerien versetzt. Hängerkleidchen und Kapuzenpullover gehören gleichermaßen zur durchgehenden Ausstattung ihrer Arbeiten wie Schaukelpferde und elektrische Lichterketten. Die Motive oszillieren zwischen Gegenwart und Vergangenheit, vermischen mitunter beides und heben sie unter, auf und neben Farbschichten, die zeitlos aus purer Freude an der Malerei entstanden sind.

Der historische Rückgriff ist jedoch weit mehr als die Suche nach einem Sujet. Bereits während ihrer Ausbildung in Leipzig und Dresden hat sich Franziska Güttler mit Märchen und Sagen, aber auch mit tradierten Volks- und Kinderliedern beschäftigt und arbeitet bis heute mit diesen Stoffen. Die Reibungsflächen, die ihre Arbeiten ausmachen, finden maßgeblich hier ihren Ursprung. Gerade in märchenhaften Erzählungen steht das Dunkle dem Hellen, das Wahre dem Falschen gegenüber, auch hier sind Ort und Zeit unbestimmt, werden sonderbare Situationen im Alltäglichen sichtbar. Realitäten und Phantasien vermischen sich in Franziska Güttlers Arbeiten märchenhaft und versetzen so den Betrachter in eine ungeklärte, oft Frösteln hervorrufende Stimmung. Dabei sind es nicht die lauten und offensichtlichen Zaunspfähle, mit denen die Künstlerin hantiert. Es sind vielmehr die subtilen Nebensächlichkeiten, die Heimlichkeit, das Flüstern, die zaghaften und oft unentschlossenen Gesten des Figurenarsenals, die für diese Grundstimmung sorgen. Oft in der Bewegung erstarrt, eingefroren in Transzendenz treten dem Betrachter die Personen gegenüber. So stehen in der Arbeit „stiller“ zwei junge Menschen dicht beisammen, man möchte zunächst an die Verschmelzung der Gestalten wie in einigen bekannten Werken von Edward Munch denken; doch nur die Figurengruppe wird zur Einheit, die Binnenzeichnung und -farbgebung zum einen, die Haltungen und Gesten der Akteure zum anderen zeigen, wie unvereinbar es ist in dieser einen Form zugeht. Die Gleichzeitigkeit von vertrauter Nähe und unbestimmter Distanz erzeugt jene Stimmung, mit der hier gespielt werden soll. Wie so oft in den Arbeiten Franziska Güttlers ist nicht der Ausgang der Geschichte von Bedeutung, sondern vielmehr jener Augenblick, in dem sich Zustände und Haltungen ändern. Es scheint, als würde sich etwas Beängstigendes, Unheilvolles wie ein Vorhang über die Szene legen, die nicht zu Ende erzählt werden muß, um ihre ganze abgründige Wirkung zu entfalten.

Vielleicht ist es „bubobubo“ aus dem Jahr 2009 – der Uhu, der in einer Arbeit vieles von Franziska Güttlers Werk zusammenfassend aufzeigt: Er ist Unglücksbote und Glücksbringer zugleich, seine aktive Zeit liegt in der Dämmerung, zwischen hellem Tag und dunkler Nacht. Auf dem 130×150 großen Tableau blickt er, fast mannshoch, unbeteiligt aus der Szene. Die sonderbaren irrlichternden Erscheinungen im Hintergrund scheint er zu ignorieren.  Ist er am Ende vielleicht doch nicht mehr als nur ein wirklich sehr schöner Vogel? Wohl kaum.

Dr. Thomas Klemm
Leipzig 2011